Ludwig II. ist wohl die bekannteste und schillerndste Figur der bayerischen Geschichte. Seine Regentschaft brachte Schlösser und Gärten, Mythen und Legenden hervor und fand schließlich in dem wohl berühmtesten ungeklärten Todesfall Bayerns ihr Ende. Diesen letzten dramatischen vier Tagen des „Märchenkönigs“ ist die Ausstellung gewidmet – ein Drama in vier Akten.
Prolog
Große Erwartungen lagen auf dem jungen Kronprinzen. Die Beziehung zu seinem Vater, König Maximilian II. Joseph, und später auch zu seiner Mutter, Marie von Preußen, war kühl und distanziert. Mit seinem Großvater Ludwig I. verbanden ihn das politische Selbstverständnis und der ausgeprägte künstlerische Gestaltungswille. Früh begann Ludwig, sich in fantastische Traumwelten zurückzuziehen, er liebte Musik und Literatur. Gleichzeitig folgte seine Erziehung einem strengen, genau festgelegten Lehrplan, wurde aber jäh durch den frühen Tod des Vaters unterbrochen. Mit nur 18 Jahren folgte Ludwig diesem auf den Thron und übernahm nur begrenzt vorbereitet die Regentschaft in Bayern. Dabei vertrat ihn anfangs noch gelegentlich sein jüngerer Bruder Otto in militärischen und politischen Repräsentationsaufgaben, bis dieser aufgrund seiner geistigen Erkrankung komplett aus der Öffentlichkeit entfernt wurde.
„Ich bin überhaupt viel zu früh König geworden. Ich habe nicht genug gelernt. Ich hatte so schön angefangen, …“.
1. Akt - 10. Juni 1886 - der König hat ausregiert
Ludwig hielt sich im noch nicht fertiggestellen Schloss Neuschwanstein auf, während in München seine Entmündigung vorbereitet wurde. Bereits im Jahr zuvor hatte es Überlegungen gegeben, wie die Regentschaft Ludwigs beendet werden könnte. Die eigentliche Entmachtung geschah allerdings überstürzt und ohne sorgfältige Planung. Die Initiative dazu ging vom Ministerrat unter dem Vorsitzenden Johann von Lutz aus. Eine Abdankung Ludwigs schien nicht realistisch oder nicht durchsetzbar. Verfassungsrechtlich möglich war damit nur eine Entmachtung aufgrund anhaltender Krankheit, die eine Regierungsfähigkeit langfristig ausschloss. Der hoch angesehene Psychiater Dr. Bernhard von Gudden bestätigte die Zweifel am psychischen Gesundheitszustand des Königs. Ohne Ludwig persönlich untersucht zu haben, legte Dr. von Gudden nach vorangegangenen Beratungen ein medizinisches Gutachten vor, das den König als „seelengestört“ kennzeichnete. Noch am selben Tag wurde auf dieser Grundlage eine erste Kommission zur Abholung und Unterbringung Ludwigs nach Schloss Neuschwanstein entsandt. Währenddessen fand in München die Proklamation des Onkels, Prinz Luitpold, zum fortan in Vertretung regierenden Prinzregenten statt.
2. Akt - 11. Juni 1886 - ein Ende mit Schrecken?
Der Psychiater und Leibarzt Dr. Bernhard von Gudden trat in der Nacht dem König in seinem Schlafgemach gegenüber. Er hatte sich unmittelbar nach der Einsetzung Luitpolds als Prinzregent aus München auf den Weg nach Neuschwanstein gemacht. Mit ihm reisten Krankenpfleger und der Assistenzarzt Dr. Franz Carl Müller. Mit dem planmäßigen Zug über Peißenberg und weiter mit Kutschen über Peiting traf die Kommission gegen Mitternacht im Schloss ein, begleitet von einem Gendarmeriehauptmann. Bei ihrer Ankunft informierte sie der Kammerdiener Lorenz Mayr aufgeregt über Selbsttötungsabsichten des Königs. Ludwig habe den Schlüssel zum Burgturm gefordert, um sich hinabzustürzen. Auch soll er von unterschiedlichen Personen Chloroform und Zyankali verlangt haben, wohl um sich zu vergiften. Dr. von Gudden erlebte den König jedoch als sehr beherrscht, als er ihn über das Gutachten, die Entmündigung und die Folgen aufklärte. Inzwischen war beschlossen worden, Ludwig aufgrund der Nähe zu München und der damit einfacheren Betreuung in Schloss Berg am Starnberger See unterzubringen.
„Sage Hoppe [dem Frisör], wenn er morgen kommt, um mich zu frisieren, er möge meinen Kopf in der Pöllat suchen“.
3. Akt - 12. Juni 1886 - die letzte Reise des Königs
Um 4 Uhr, noch vor Sonnenaufgang, verließen vier Kutschen Schloss Neuschwanstein. In der dritten Kutsche saß Ludwig II. Sein Reisewagen war vom Leibkutscher nach Vorgaben des Krankenwärters für die Fahrt vorbereitet worden. Eine Tür und die Fenster waren mit starken Stricken verschnürt und die inneren Türgriffe entfernt. Der König fuhr allein in seinem Wagen. Ein Pfleger sollte auf dem Bock sitzen und ein Reitknecht neben dem Wagen herreiten, um auf verdächtige Vorgänge im Inneren zu achten. Nach rund achtstündiger Fahrt mit dreimaligem Pferdewechsel in Steingaden, Peißenberg und Seeshaupt kam der König mittags in Schloss Berg an. An jeder Station waren zwei Gendarme zur Wache eingeteilt, um gegebenenfalls Aufstände abzuwehren. Doch Proteste oder Befreiungsaktionen der Landbevölkerung fanden nicht statt. Die Grafen Clemens zu Toerring-Jettenbach und Max von Holnstein waren beauftragt, in der Zwischenzeit Sicherheitsmaßnahmen an Schloss Berg und dem umgebenden Park zu ergreifen. Es sollte verhindert werden, dass der König zu fliehen versuche oder sich, wie er selbst immer wieder sagte, das Leben nehme.
4. Akt - 13. Juni 1886 - was geschah an diesem Abend am See?
6.30 Uhr Es war Pfingstsonntag und ein regnerischer Tag am Starnberger See. In seinen Räumen in Schloss Berg empfing Ludwig II. in den frühen Morgenstunden die beiden Ärzte Dr. Bernhard von Gudden und Dr. Hubert Grashey. Nach dem Frühstück und einem morgendlichen Spaziergang mit Dr. von Gudden im Park wurde aufgrund des ruhigen, einsichtigen Verhaltens Ludwigs ein zweiter Spaziergang für den Abend verabredet.
18.40 Uhr Der Arzt und der König begannen ihren Spaziergang über den unteren Seeweg. Begleitendes Personal wies Dr. von Gudden aktiv zurück. Kurz nach Antritt des Spaziergangs brach ein Gendarm zu seinem üblichen Rundgang durch den Park auf. Er bemerkte, wie auch sein Kollege, keine Auffälligkeiten. Ein dritter hingegen gab später zu Protokoll, er habe drei bis vier Boote mit mehreren Personen Richtung Leoni fahren sehen. Weitere Zeugen berichteten von Wagenspuren im bzw. am Schlosspark.
18:53 Uhr Die Taschenuhr Ludwigs II., die später gefunden wurde, ist zu diesem Zeitpunkt stehengeblieben.
20 Uhr Ludwig und von Gudden kamen nicht wie verabredet zum Souper. Suchmannschaften wurden entsandt.
20.06 Uhr Die Uhr Dr. Bernhard von Guddens blieb etwa eineinviertel Stunden später als Ludwigs Uhr stehen. Diese deutliche zeitliche Differenz war immer wieder Grund für Spekulationen um den Todeszeitpunkt und die Art des Ablebens von König und Arzt.
22.45 Uhr Ein Hofoffiziant fand nahe der Bank am Seeweg im Uferbereich Jacke und Mantel des Königs. Sein Kollege stieß auf den Schirm Dr. von Guddens. Ein an der Suche beteiligter Pfleger und der Hofkoch durchkämmten das weitere Ufer und stellten zwei angeschwemmte Hüte sicher – jenen des Königs und den durchnässten und stark beschädigten Zylinder des Arztes. Direkt darauf weckten der Assistenzarzt Dr. Franz Carl Müller und der Schlossverwalter Leonhard Huber den Leibfischer Jakob Lidl in seinem Haus nahe dem Schloss. Die drei ruderten mit dem Boot am Ufer entlang und bargen kurz darauf zwei leblose, im Wasser treibende Körper: König Ludwig II. und Dr. Bernhard von Gudden.
24 Uhr Nach erfolglosen Wiederbelebungsversuchen am nahen Ufer in Anwesenheit von über einem Dutzend Personen wurde gegen Mitternacht der Tod beider bekanntgegeben. Die jeweilige Todesursache ist bis heute ungeklärt.
(…) Dort habe ich Abschied genommen. Und drückte noch leise zum Schluss, mein unvergesslicher König, auf deinen Sarg einen Kuss.(…)
Epilog
Am Morgen des 14. Juni war der Leichnam Ludwigs II. im ersten Stock von Schloss Berg im einstigen Schlafzimmer seiner Mutter aufgebahrt, umgeben von Kerzen, Kruzifix, Weihwasser und Kränzen. Parallel begannen die Zeugenbefragungen sowie Recherchen am Fundort der Leichen durch den Starnberger Oberamtsrichter und diverses Personal. Lokale und internationale Presse berichtete vom Tod des bayerischen Königs. Nach der Überführung des königlichen Leichnams nach München folgte dessen Obduktion, in deren Bericht keine eindeutige Todesursache formuliert wurde. Die feierliche Beisetzung Ludwigs fand am 19. Juni 1866 in der Familiengruft der Kirche St. Michael statt; der Psychiater Dr. Bernhard von Gudden wurde ohne vorherige Obduktion auf dem Münchner Ostfriedhof bestattet. Die Gerüchte und Theorien um den Tod Ludwigs aber lebten weiter.
„Ein ewig Rätsel will ich bleiben mir und anderen.“
6 Fragen an Museumsleiter Benjamin Tillig und Kuratorin Claudia Wagner
Wie sind Sie auf das Thema der Ausstellung zu Ludwigs letzten Tagen gekommen? Was war der Auslöser?
- Ludwig II. ist am Starnberger See eine ebenso schillernde wie geheimnisvolle Figur. Sein Leben und vor allem sein Tod beschäftigen viele Menschen in der Region und weit darüber hinaus bis heute. Es existieren unzählige, teilweise noch immer geraunte und geflüsterte Theorien über die Umstände des Ablebens seiner Majestät. Vor diesem Hintergrund ist es uns, die wir als Museum nur wenige hundert Meter vom Ort des Geschehens liegen, wichtig Fakten und Hintergründe darzustellen, die etwas Licht ins Dunkel der Vermutungen bringen können.
Was haben Sie dabei herausgefunden? War Ihnen etwas davon neu?
- Wir sind sehr dankbar, dass uns SKH Herzog Franz von Bayern Zugang zum Geheimen Hausarchiv der Wittelsbacher ermöglicht hat. So konnten wir, mit großartiger Unterstützung des Archivleiters Dr. Gerhard Immler, auch in originalen Dokumenten wie dem Gutachten Dr. von Guddens oder dem Obduktionsprotokoll sowie in Handschiften des Königs recherchieren und diese teils sogar als Faksimile in der Ausstellung präsentieren. Daraus ergibt sich ein sehr greifbares Bild der wirklich komplexen und bedrückenden Umstände der Entmündigung und Festsetzung des Königs, mit vielen Details, die auch uns zuvor nicht gegenwärtig waren.
Was ist das Besondere an der Ausstellung?
- In der Ausstellung sind die letzten vier Tage des Königs wie das Bühnenbild eines Theaterstücks präsentiert. Nach einem Prolog, der die Vorgeschichte umreißt, gehen Besuchende durch das sich entfaltende Drama in vier Akten. Sie schreiten durch aufwändige Bühnenbild-Illustrationen, um auf der Rückseite, der Hinterbühne, jeweils die nüchternen Fakten wie in einer Art Röntgenblick auf beleuchteten Tafeln zu finden – Darstellungen der Geschehnisse und der handelnden Personen des jeweiligen Tages. Der theatralen Scheinwelt Ludwigs steht so die harte Realität gegenüber.
Wieviel Arbeit steckt dahinter, wie lang haben die Recherchen gedauert?
- Das Projekt hat eine konkrete Umsetzungsdauer von ca. 1,5 Jahren gehabt. Viel Zeit hat neben der intensiven Recherche die Sicherung der Finanzierung in Anspruch genommen. Das Museum selbst konnte das Budget für die aufwändige Präsentation als Einrichtung der Stadt Starnberg nicht tragen, so ist der Freundeskreis des Museums aktiv geworden. Gemeinsam mit der Museumsleitung ist es dem Förderverein gelungen, Gelder des Landkreises Starnberg, des Bezirk Oberbayern und des Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst einzuwerben und so das Projekt zu ermöglichen.
Was ist das Besondere am Museum Starnberger See?
- Das Museum Starnberger See liegt nur zwei Minuten vom Seeufer entfernt am Siedlungsursprung der Stadt Starnberg. Es umfasst einen wunderschönen Garten, ein über 500 Jahre altes Anwesen und einen Museumsneubau, in dem das letzte erhaltene Schiff aus der Prunkflotte der bayerischen Könige ausgestellt ist, Wechselausstellungen zu Geschichte und Kunst stattfinden und seit Kurzem die Ausstellung über die letzten Tage des Märchenkönigs, Ludwig II. zu sehen ist. Es ist ein wirklich wunderbarer Ort, ganz nah am See und der S-Bahn und doch abseits des Trubels, mit einem kleinen Museumscafé zum Entspannen.