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Eine Villa mit bewegter Geschichte - das Hildebrandhaus in München

Hat ein Viertel eine Biografie? Wie sieht oder sah es in Bogenhausen aus? Und ein Haus, was kann das für Geschichten erzählen? Oder noch konkreter: die Villa in der Maria Theresia-Str. 23? Heute ist dort die Monacensia eingezogen, das literarische Gedächtnis der Stadt. Doch von ihrer Planung und Erbauung bis heute hat die Villa an den Maximiliansanlagen viel erlebt, haben viele Menschen dort gelebt… Dort haben wir uns zum 6. GlamInstaWalk getroffen - eine spannende Spurensuche, die im Jahr 1898 beginnt…

Monacensia #MON_Villa

Die Monacensia, eigentlich Monacensia im Hildebrandhaus, vereint das Literaturarchiv der Stadt München, ein Museum sowie eine Forschungsbibliothek zur Geschichte und zum kulturellen Leben Münchens. Der lateinische Name Monacensia bedeutet „Münchnerisches“.

Die Sammlung umfasst derzeit rund 300 literarische Nachlässe und Konvolute renommierter Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Gelehrter, Künstler und Persönlichkeiten, die mit München eng verbunden sind. Zu den Herzstücken gehören die Archive von Klaus und Erika Mann, wodurch die Monacensia auch als bedeutende Forschungsstelle zur Familie Mann bekannt ist.

Durch verschiedene Formen der Literaturvermittlung wie wechselnde thematische Ausstellungen, Führungen, Lesungen, Vorträge, Seminare und Symposien öffnet die Monacensia ihre Bestände der Öffentlichkeit und lädt dazu ein, die reiche literarische Geschichte Münchens zu entdecken.

#GLAMInstaWalk 6

… in der Monacensia am 24. Juli 2025

Schon seit zwei Jahren gibt es nun den GLAMInstaWalk, den Tanja Praske und die Monacensia ins Leben gerufen haben. Der sechste GLAMInstaWalk führte uns in die neue Dauerausstellung “Maria Theresia 23” im Hildebrandhaus in Bogenhausen. 

Sehr zu empfehlen: im Blog MON Mag der Monacensia erfahrt ihr mehr über die Ausstellung, die Künstlerinnen und Schriftstellerinnen, Künstler und Schriftsteller, Bewohner und Bewohnerinnen und die Geschichte des Hildebrandhauses.
 

Was haben diese Wände schon alles erlebt?

Adolf von Hildebrand gab die Künstlervilla in Auftrag. Der Bildhauer lebte eigentlich in der Nähe von Florenz in Italien. Aber er hatte die Ausschreibung zum Wittelsbacherbrunnen am Lenbachplatz gewonnen und brauchte deshalb einen Wohnsitz in München. 1898 konnte er in die von ihm selbst entworfene Villa mit Türmchen und Atelier einziehen. Außerdem schuf Hildebrand auch das Luitpold-Reiterstandbild, das heute am Osteingang des Bayerischen Nationalmuseums in der Prinzregentenstraße steht und den Hubertusbrunnen (seit 1954 am Nymphenburger Schlosskanal).

Das Hildebrandhaus, erbaut vom Architekten und Bauunternehmer Gabriel von Seidl, wurde Treffpunkt der Münchner Gesellschaft: der Prinzregent Luitpold, Künstler und Künstlerinnen, Industrielle und Honoratioren gingen hier ein und aus, unter anderem auch der junge Dirigent und Komponist Wilhelm Furtwängler, Wilhelm Conrad Röntgen oder die Schriftstellerin Franziska zu Reventlow. 
Auch die sechs Kinder Hildebrands waren fast alle künstlerisch tätig. Einige von ihnen richteten sich auch im Haus ihr Atelier ein: Irene als Bildhauerin, Elisabeth malte, Silvia schrieb Theaterstücke, Eva wurde Musikerin, Berta komponierte und heiratete später den Komponisten und Pianisten Walter Braunfels. Der Sohn Dietrich studierte Philosophie und war ab Professor an der LMU. 

Nach dem Tod des Vaters 1921 erbten Dietrich und seine Schwester Irene Georgii das Haus und führten den Salon zunächst weiter. Die Machtübernahme Hitlers 1933 machte es ihnen zunehmend schwer, das Haus zu halten. Dietrich von Hildebrand vertrat eine klare Anti-NS-Position und musste fliehen. Beim Verkauf wurde er explizit ausgeschlossen: es durfte kein Geld an ihn fließen. Deshalb verkaufte seine Schwester Irene, die auch mit Berufsverbot belegt wurde, 1934 schließlich hastig und unter Preis, weil sie Sorge hatten, es ganz zu verlieren.

Elisabeth Braun 

Die Lage ist für mich bitter ernst.

Elisabeth Braun

Im Herbst 1934 erwarb Elisabeth Braun das Hildebrandhaus. Sie entstammte einer alteingesessenen jüdischen Münchner Kaufmannsfamilie und war Erbin einer bekannten Outdoor- und Loden-Textilfirma mit Geschäft in der Theatinerstraße. 1920 konvertierte sie und trat in die Evangelisch-Lutherische Kirche ein. In vielen Schreiben und Dokumenten gab sie als Beruf Schriftstellerin an und war Mitglied des Vereins für Fraueninteressen, den Anita Augspurg 1894 gegründet hatte. Leider sind keine Texte oder Arbeiten von Elisabeth Braun überliefert worden. Vermutlich schrieb sie unter Pseudonym, wie viele Schriftstellerinnen in dieser Zeit. 

Sie selbst wohnte bis 1938 die meiste Zeit am Tegernsee. Doch ihre Tante und Stiefmutter Rosa Braun zog in das Haus ein. In der Villa plante Elisabeth aufwendige Umbauarbeiten, wollte Raum für mehr Menschen schaffen und unter anderem Wohnungen einbauen. Ihre Pläne wurden jedoch nicht umgesetzt.
Während der Kriegsjahre kreuzten sich in der Villa die Geschichten von Verfolgten und Profiteuren: unter anderem fanden jüdische Bürger hier eine Wohnung, einige “nicht-arische” Bildhauer und Künstler konnten im Atelier arbeiten, daneben aber auch Ernst Andreas Rauch, der mehrere lukrative Aufträge von den Nazis bekommen hatte.
Als Jüdin wurde Elisabeth Braun von den Behörden des NS-Regimes systematisch entrechtet und beraubt. Im August 1941 wurde sie festgenommen. Nur wenige Tage später wurde das Hildebrandhaus ausgeräumt und ihre Stiefmutter Rosa Braun in ein Lager nach Milbertshofen gebracht. Noch aus dem Gefängnis in Stadelheim schrieb Elisabeth an ihren Anwalt, um gegen die Enteignung zu protestieren: “Hiermit erkläre ich, daß ich zur Unterzeichnung des Kaufvertrags […] durch Drohung und Gewalt gezwungen worden bin. Es wurde mir gedroht, daß Mama und ich beide eingesperrt und verhaftet würden, wenn wir nicht zum Notar gingen. Dann wurde ich, als ich mich weigerte, diese Bedingungen anzuerkennen, unter der Drohung gezwungen, daß ich bereits am nächsten Tag früh in ein Arbeitslager geschafft würde. Nie hätte ich ohne Bedrohung diese unmöglichen Bedingungen anerkannt.”
Im November 1941 wurde sie, zusammen mit ihrer Stiefmutter und den 15 Bewohnern, denen sie Zuflucht gewährt hatte, in ein Lager im litauischen Kaunas deportiert und brutal ermordet - während in München bereits die nächsten Nutznießer in die Villa drängten. In ihrem Testament setzte sie die Evangelisch-Lutherische Landeskirche in Bayern als Alleinerbin ein. 

Mehr über Elisabeth Braun erfahrt ihr im Blogartikel des Mon-Mag (externer Link, öffnet neues Fenster).

Nach 1945

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges stand das Haus lange leer und verfiel, erst übernahm es die amerikanische Militärregierung und dann forderte es die evangelische Kirche zurück. 1967 Jahre verkaufte die Kirche das Hildebrandhaus an einen Immobilienspekulanten. Die Münchner und Münchnerinnen protestierten und konnten so in letzter Minute den Abriss verhindern. 1974 erstand es der Freistaat Bayern und richtete dort 1977 das Monacensia Archiv, die Bibliothek und das Museum ein. Durch die Anwendung des ersten Bayerischen Denkmalschutzgesetzes von 1973 wurde das Haus - wie auch die nicht weit entfernte Villa Stuck - gerettet.
Seit der Sanierung von 2013 bis 2016 ist die Villa wieder fast vollständig in den Originalzustand zurückversetzt worden: die Innen- und Außenwände sind wieder in den originalen Farbtönen gehalten. Im einem kleinen modernen Glasanbau zum Hof ist heute das Museumscafé - ab Herbst 2025 erwartet euch dort ein moderner Jewish Deli, offen für alle.

#MunichHeritage - Erinnerungskultur der Vielen

Von der Künstler- hat sich das Hildebrandhaus zur Künstlerinnen-Villa entwickelt. In der neuen Dauerausstellung “Maria Theresia 23” (externer Link, öffnet neues Fenster) will die Monacensia Erinnerungslücken füllen, Frauen, Autoren und Autorinnen, Intendantinnen, Künstlern und Künstlerinnen Raum geben. Um die multiplen Identitäten der Stadt zu dokumentieren. Um die große Zahl an Wahrheiten und Wirklichkeiten abzubilden, die nebeneinander existieren, sich überlappen, sich bedingen und beeinflussen. Um zu erinnern, zu entdecken und Geschichten und Geschichte zu erzählen. Um auch migrantischen, exilantischen, weiblichen und queeren Stimmen endlich Gehör zu verschaffen. So hat es sich die Monacensia in ihrem Manifest 2021 selbst zur Aufgabe gemacht.

Mehr zum Monacensia Manifest lest ihr auch im MON_mag (externer Link, öffnet neues Fenster).

Nathalie Schwaiger & Bianca Faletti